|
|
|
|
Globaler Holcim Award Gold für Stuttgarter Bahnhofsprojekt |
|
|
|
|
|
Dotternhausen, 27. April 2006
- Der spektakuläre Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs zählt zu den besten nachhaltigen Bauprojekten der Welt. In Thailand ist es soeben mit dem hochdotierten global Holcim Award Gold ausgezeichnet worden. Der Entwurf von Ingenhoven Architekten aus Düsseldorf besticht nach Ansicht der Jury durch seine städtebauliche Vision und durch raffinierte ökologische Konzepte.
Die Geschichte des Projektes «Hauptbahnhof Stuttgart», das jetzt mit dem global Holcim Award Gold ausgezeichnet worden ist, begann Anfang 1997. Damals schrieben die Deutsche Bahn AG, das Land Baden-Württemberg und die Landeshauptstadt Stuttgart europaweit einen Realisierungswettbewerb zur Neugestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofs aus. Der bestehende Hauptbahnhof, geplant im Jahr 1910, genügte modernen Ansprüchen und dem aktuellen Kapazitätsbedarf nicht mehr.
Wahrzeichen für Stuttgart
126 Entwürfe wurden beim Realisierungwettbewerb eingereicht. Trotz der riesigen Auswahl traf das Preisgericht damals ein einstimmiges Votum: Das Projekt von Ingenhoven Architekten, Düsseldorf, war ein beeindruckender Überflieger. Der Entwurf setze «ein sichtbares Zeichen zukunfsweisender Mobilität und Wahrzeichen für Stuttgart und seine Region», lobte das Preisgericht. Mit dem Projekt würden Ingenhoven Architekten «eine überzeugende, aus dem Ort heraus entwickelte Antwort auf die vielfältigen Anforderungen der Ausschreibung» geben.
Wertvoller Raum wird frei
Womit hatten Ingenhoven Architekten das Preisgericht derart überzeugt? Der Entwurf für den neuen Stuttgarter Bahnhof ist auf verschiedenen Ebenen spektakulär. Gleisanlagen und Bahnsteige kommen unter den Boden – damit werden an der wertvollen Oberfläche im Herzen Stuttgarts 134 Hektaren Land frei. Dort, wo heute noch Züge halten und Passagiere einsteigen, wird der neue Strassburger Platz mit Cafés und Restaurants entstehen. Obwohl für den neuen Bahnhof nur noch 8 Gleise vorgesehen sind – der heutige hat 16 –, wird die Kapazität deutlich erhöht. Die neue Station, die mit wenig Material gebaut werden kann, ist dank einer Drehung um 90 Grad nämlich nicht mehr als Sack-, sondern als Durchgangsbahnhof konzipiert. Dadurch fällt der Rangieraufwand weg, Züge können schneller ein- und ausfahren.
Raffiniertes Lichtkonzept
Bestechend sind beim Projekt aber vor allem Komfort und Umweltverträglichkeit. In diesem unterirdischen Bahnhof wird, im Unterschied zu den meisten anderen, nicht ewige Nacht herrschen. Ein raffiniertes System von Wölbungen und Öffnungen lässt Tageslicht einströmen und sich gleichmässig verteilen. 14 Stunden am Tag wird die Bahnhofshalle ausreichend mit Tageslicht versorgt. Damit während der Dämmerung und in der Nacht nicht zu viel Beleuchtungsenergie aufgewendet werden muss, dient die Schalendecke der Bahnhofshalle als Reflexionsfläche fürs künstliche Licht. Die erdüberdeckte Betonschalenkonstruktion und die Tageslichtöffnungen sorgen für eine natürliche Raumklimatisierung, die ein- und ausfahrenden Züge für einen optimalen Luftaustausch.
Schulbeispiel für nachhaltiges Bauen
Architekt Christoph Ingenhoven hatte also allen Grund, seinen Bahnhofentwurf 2005 für den ersten Holcim Wettbewerb für nachhaltige Bauprojekte einzureichen – das Projekt entspricht sowohl den Kriterien des nachhaltigen Bauens als auch hohen ökologischen und wirtschaftlichen wie auch ethischen und ästhetischen Anforderungen. Der neue Bahnhof überzeugt auch durch seine interdisziplinäre Kraft; er setzt Massstäbe hinsichtlich Architektur, Landschaftsdesign, Ingenieurkunst und vieler weiterer Bereiche des Bauwesens.
Weltweiter Wettbewerb
Bei den Holcim Awards handelt es sich um einen der bestdotierten Bauwettbewerbe der Welt. Er wurde von der Holcim Foundation ins Leben gerufen; die Stiftung wird vom global tätigen Baustoffkonzern Holcim Ltd getragen, der in Deutschland durch Holcim (Deutschland) AG in Hamburg und Holcim (Baden-Württemberg) GmbH in Dotternhausen vertreten ist. Die Stiftung will unter Architekten, Planern, Ingenieuren und Bauherren die Diskussion um das nachhaltige Bauen anregen. Für die Holcim Awards können weltweit Projekte aus allen Bereichen des nachhaltigen Bauens eingereicht werden. Der Wettbewerb ist zweistufig konzipiert; zunächst werden in fünf Weltregionen die «regional Holcim Awards» vergeben. Die jeweils drei Bestplatzierten sind automatisch für die «global Holcim Awards» qualifiziert. Eingaben für den zweiten Wettbeerbszyklus sind ab Mitte 2007 möglich.
Europäisches Silber
In der Region Europa, in der besonders viele hochkarätige Projekte eingereicht worden waren, erheilt das Stuttgarter Projekt den «Holcim Award Silber» – hinter einem Projekt aus Italien, das bei den globalen Holcim Awards schliesslich auf dem zweiten Platz gelandet ist. Die Jury für Europa lobte am Entwurf von Ingenhoven Architekten vor allem, er etabliere «auf ästhetische Weise einen Dialog zwischen natürlicher und von Menschen gemachter Umgebung». Damit war für das Projekt der Weg zu den globalen Holcim Awards geebnet.
Globales Gold
Eine von der Stiftung unabhängige, aus weltweit führenden Architekten, Ingenieuren und weiteren Experten zusammen gesetzte Jury hat das Bahnhofsprojekt zum Sieger des weltweiten Wettbewerbs gekürt – zusammen mit einem Plan zur Aufwertung eines stark benachteiligten Quartiers in Caracas, Venezuela. Mit der Ernennung von zwei Gewinnern eines globalen Holcim Awards Gold hat die Jury ein Zeichen gesetzt; die sehr verschiedenartigen Preisträger decken unterschiedliche Bereiche des nachhaltigen Bauens ab und dokumentieren so dessen enormes Spektrum. Die Preissumme für den Gold-Gewinner wurde auf insgesamt 600'000 US-Dollar aufgestockt, die sich die beiden Preisträger nun teilen.
Viel mehr als ein Bahnhof
Am Stuttgarter Bahnhofsprojekt gefiel der Jury vor allem der innovative Umgang mit Materialien und Strukturen, aber auch der effiziente und mit einem intelligenten Ressourcen-Management kombinierte Einsatz von Technologie. Das Projekt zeige pionierhaft die Zukunft städtischer Nachhaltigkeit auf, indem es die Stärken verschiedener Disziplinen gekonnt zusammenbringe. Die Jury betonte zudem die städtebauliche Bedeutung des Projekts. Beim Entwurf der Düsseldorfer Architekten geht es eben um viel mehr als um einen Bahnhof. «Bahnhöfe sind schon lange nicht mehr Transitorte, die man so schnell wie möglich wieder verlassen möchte, um an den eigentlichen Bestimmungsort zu kommen», sagt denn auch Christoph Ingenhoven. «Der Bahnhof ist zu einem Ort des Verweilens, des Konsums, der Unterhaltung, der Entspannung geworden. Vor allem aber ist der Bahnhof ein grossflächiger öffentlicher Raum, ein vitaler, lebender Ort der Begegnung und der Kommunikation.»
Investition in die Zukunft
Die Geschichte des Projekts endet nicht in Bangkok bei der Verleihung des global Holcim Award Gold. Seit kurzer Zeit ist bekannt: Die innovativen Ideen von Ingenhoven Architekten bleiben keine Reissbrett-Taten, der Bahnhof wird gebaut. Während langer Zeit war das nämlich keineswegs sicher. Leere Kassen und aufwändige Genehmigungsverfahren verzögerten den Baubeginn immer wieder. Etwa 2,6 Milliarden Euro soll das gesamte Projekt kosten; 60 Prozent davon trägt die Deutsche Bahn AG, die durch den Verkauf von Grundstücken an die Stadt Stuttgart bereits die Hälfte ihres Aufwands wieder erwirtschaftet hat. Trotz gewaltiger Investitionen weist das Projekt eindeutig positive betriebswirtschaftliche Aspekte auf, denn die Kosten von Betrieb und Unterhalt werden reduziert, die Einnahmen durch zusätzliche Fahrgäste erhöht.
Eröffnung voraussichtlich 2015
Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Günther Oettinger, rechnet damit, dass der Bau bis 2015 abgeschlossen sein wird. Den global Holcim Award Gold haben Ingenhoven Architekten also voraussichtlich genau auf halbem Weg zwischen Entwurf des Projekt und der Eröffnung des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs erhalten.

Preisträger Christoph Ingenhoven und Reto Willimann, Geschäftsführer der Holcim (Baden-Württemberg) GmbH
Ingenhoven Architekten: Konstruktiv und erfolgreich
Der 1960 geborene Architekt Christoph Ingenhoven gründete Ingenhoven Architekten in Düsseldorf im Alter von 25 Jahren. «Als wir 1985 begannen, war es ganz natürlich, eine umweltfreundliche Architektur anzustreben», erinnert sich Christoph Ingenhoven. «Unser kleiner Planet hat limitierte Ressourcen. Deshalb ist es unser Ziel, eine konstruktive, kultivierte, technisch interessante, energieeffiziente, transparente, ökologisch orientierte, menschliche, grüne architektonische Sprache zu sprechen.» Diese Sprache kommt überall gut an. Ingenhoven Architekten projektieren Flughäfen, Bahnhöfe, Stadien, Kliniken, sie gestalten Plätze und Restaurants. Für weltweites Aufsehen sorgt gegenwärtig der Bau des 156 Meter hohen Hochhauses im japanischen Osaka nach Plänen von Ingenhoven Architekten – das Gebäude wird 2008 fertig gestellt sein – oder deren Entwurf für das Europäische Parlament Luxemburg.
«Sehr stolz!»
„Der Preis ist eine grossartige Anerkennung, die mich sehr stolz macht“, sagte Chrstioph Ingenhoven nach der Uebergabe des Holcim Award Gold durch Holger Michael (Deutscher Geschäftsträger in Bangkok), Adèle Naudé Santos (Jury-Vorsitzende und Dekanin der „School of Architecture and Planning“ am Massachusetts Institute of Technology MIT, USA), Rolf Soiron (Verwaltungsratspräsident von Holcim Ltd und Vorsitzende des Patronatskomitees der Holcim Foundation, Schweiz) und Markus Akermann (CEO von Holcim Ltd und Vorsitzender des Stiftungsrates, Schweiz). Die Laudation hielt Jury-Mitglied Enrique Norten (Mexico), Inhaber von TEN Arquitectos sowie Mitglied des Patronatskomitees der Holcim Foundation: „Dieses Projekt nutzt auf zukunftsträchtige Weise Materialien, Strukturen und Wissen, um mit einem nachhaltigen Design städtischen Raum zurückzugewinnen!“ Der neue Hauptbahnhof werde zwei städtische Quartiere, die bis anhin getrennt waren, miteinander verbinden, den sozialen Zusammenhalt fördern und neue Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten und Begegnungen zwischen den Altersgruppen eröffnen, stellte Norten fest.
(Text: Marius Leutenegger, Bangkok)
|
|
|
|
|
|
|
|
|